Sonntag, 17. Oktober 2010

Comic-Preise

Auch hierzulande werden (mehr oder weniger beachtet) Auszeichnungen für Comics vergeben, meist im Rahmen einer Comicveranstaltung um selbige etwas aufzuwerten. Momentan am geläufigsten sind der Max+Moritz-Preis des Comic-Salons, der Sondermann der Frankfurter Buchmesse und der jährliche ICOM-Preis. Schöne Sache sollte man meinen, aber jedesmal gibts Gezerfe und Unmutsäusserungen ob der Preisvergabe. Woran liegts?

Es gibt zwei Möglichkeiten Preise zu vergeben, man läßt das Publikum abstimmen oder eine Jury. Beides hat Vor- und Nachteile, aber letztlich entscheidet der persönliche Geschmack und über den kann man (nicht) streiten.

Der M&M-Preis hat aus der Sicht des normalen Comiclesers deutlich an Ansehen verloren, Grund: Es ist ein Kritikerpreis. Hier werden Titel nominiert die teilweise kaum einer kennt, und man versucht auf Teufel komm raus den bösen "Mainstream" zu vermeiden um in den Pantheon der "Kunst" vorzustoßen. Hier wird sehr deutlich, daß sich die Meinung von Kritikern und Lesern darüber was Preiswürdig ist und was nicht idR meilenweit unterscheidet. Ziemlich disqualifiziert hat man sich dieses Jahr mMn durch die Auszeichnung eines Titels der zwar erst am Vortag der Preisvergabe auf Deutsch erschienen ist, dafür aber während der gesamten Veranstaltung dermassen omnipräsent war, daß eigentlich kein Zweifel bestand wer den Preis bekommt.

Der Sondermann krankt daran, daß hier nicht nach Klasse sondern nach Masse, dh was sich am besten verkauft hat, nominiert wird und das Publikum (Dh im wesentlichen die Leser einer bestimmten Online-Zeitung) dann abstimmt wer die Preise bekommt. An und für sich eine korrekte Methode, sie hat nur einen kleinen Haken. Der Normalbürger hat nämlich idR kaum Ahnung von Comics, bw was es in diesem Medium überhaupt gibt. Da wird das gekauft was man kennt, ich schätze mal dreist: Kaum einer dürfte mehr als ein halbes Dutzend Titel bw Comicfiguren kennen. Das ist dann so, als würde man das TV-Programm auf DSDSS und GZSZ reduzieren und dann sagen eins von beiden ist das Beste was TV gezeigt wird. Folgerichtig bekam diesmal ein Titel den Preis der unter Kennern als Schlechtester der ganzen Serie gilt.

Der ICOM-Preis hat indes intern das höchste Ansehen - und ist seltsamerweise weit weniger bekannt. Eigentlich sollten mit dem ICOM herausragende Independent-Comics ausgezeichnet werden, nur läßt sich mittlerweile nicht mehr halbwegs klar definieren was Independent ist und was nicht. Hier entscheidet zwar auch eine Jury, aber die besteht nicht aus selbstgefällig/verkopften Kritikern, sondern großteils aus Leuten die auch Comics machen, dh Ahnung von der Sache und Kontakt zum Fußvolk haben. Leider konnte man hier in letzter Zeit einen Trend beobachten sich dem M&M-Preis anzunähern. Das dieses Jahr ein Titel den ICOM- und den M&M-Preis bekommen hat berührte den ein oder anderen doch etwas peinlich.

Nuja, wie gesagt wird dann in schöner Regelmässigkeit im Comicforum gemeckert, und immer mit demselben Ablauf - wäre sicher lustig das mal von einem Psychologen analysieren zu lassen. Die an der Prämierung Beteiligten reagieren dünnhäutig, und früher oder später mit dem Vorwurf von Neid und Ahnungslosigkeit (- so sie überhaupt reagieren, die meisten Juroren sind in dieser größten Comic-Community überhaupt nicht aktiv). Die Störenfriede halten mehr oder weniger sachlich dagegen und fordern, daß das ganze Prozedere der Preisvergabe geändert werden muß um ein "gutes" Ergebnis zu bekommen, wie auch immer das aussehen soll. Irgendwann wird auf Formulierungen in den Kommentaren herumgeritten nur um das letzte Wort zu haben, Und letztlich spricht jemand ein Machtwort ala "Diskussion beendet! Setzen!" - bis zur nächsten Preisvergabe.

Nebenbei, bei einigen Juroren habe ich keine Ahnung was sie für den Job qualifiziert und wer sie benennt, da tauchen zT Namen auf die mir überhaupt nichts sagen.

Kommentare:

Wittek hat gesagt…

Gefaellt mir sehr gut, der Artikel!

Diana Kennedy hat gesagt…

Ja, sehr schön auf den Punkt gebracht. Eigentlich ist dieses ganze Getue und Gehabe rund um die Preise, inklusive der dazugehörigen Streitereien, Eifersüchtelein usw mit ein Grund, warum ich die Nase voll vom Medium als solches habe.

USa. hat gesagt…

Trifft es auf den Punkt

unbemerkt hat gesagt…

klare analyse des momentanen standes...

verbesserungsvorschläge?

Geier hat gesagt…

Merci all!
Verbesserungsvorschläge? Nu ja, das ist wie in der Politik, meckern und Schlechtreden kann jeder, besser machen praktisch nie.
Ich denke mal drüber nach...

Thomas hat gesagt…

Ein bisschen ironisch ist es ja schon: der eine Preis ist zu populär, der andere zu elitär, bei beiden ist man (also alle, die nicht zu den Preisträgern gehören) mit dem Ergebnis unzufrieden.

Außerdem: es stimmt ja nicht, dass der M&M-Preis nur abgehobene "Kunstkacke" auszeichnet. Ralf König, anyone?

Gegenvorschläge? Bedenkenswert wäre ein Prinzip ähnlich den Oscars: da stimmt ja ein größeres Gremium, die Academy, über die Preisträger ab, und wer einen Preis bekommt, wird dann selber Mitglied der Academy (eine etwas vereinfachte Darstellung, die so nicht exakt stimmt).

Geier hat gesagt…

Na, da hast du die Ausnahme rausgefischt welche die Regel bestätigt. Hier http://de.wikipedia.org/wiki/Max-und-Moritz-Preis kann man sich selber ein Bild machen.
In der Tat war es beim ICOM üblich das uA die letztjährigen Preisträger die nächste Jury gestellt haben. Irgendwie schlief das aber ein als ich dann die Urkunde bekam.

Geier hat gesagt…

Wenn jemand das Bedürfnis hat mit mir darüber zu diskutieren, ich werde die nächsten Tage in Essen sein + verbal kann man da viel besser vom Leder ziehen als in kurzen, schriftlichen Statements.